Das Ende des schwedischen “Sonderwegs”?

Von Patrik Plaga zuerst erschienen auf Schwedenreport.Blogg.se

Ist der schwedische Sonderweg zu Ende?

Die deutschen Medien triumphieren seit Anfang Dezember: 

“Der schwedische Sonderweg sei zu Ende”

“Schweden schwenke endlich auf die Linie ein, auf der die Mehrheit der europäischen Länder einschließlich Deutschlands fahre” 

Da ja die Meinungsstärke der deutschen Medienmacher bekannt ist, lohnt es sich aber, genauer hinzusehen, was wirklich dahinter steht.

Es stimmt  – aber auch nicht: 

  • Am 20. November hat die Regierung erstmalig seit langer Zeit die Personenzahl für öffentliche Zusammenkünfte auf 8 Personen begrenzt1 und im Dezember folgte eine weitere Begrenzung.
  • Es stimmt auch, dass der Alkoholausschank in der Gastronomie zeitlich begrenzt wurde. 
  • Es stimmt auch, dass die Gesundheitsbehörde die umfassend ablehnende Position gegen Masken geändert hat und für Pflegeeinrichtungen die Maskenanwendung empfiehlt. 
  • Ebenso gilt ab dem 7. Januar eine Empfehlung für Maskentragen im öffentlichen Nahverkehr.

Außerdem wurde ein Pandemiegesetz auf den Weg gebracht, das der Regierung ermöglicht, Betriebe zu schließen, mithin einen Lockdown einzuführen. 

Es ist derzeit noch im Gesetzgebungsprozess und könnte irgendwann zwischen Januar März verabschiedet werden, wie die Zeitung Aftonbladet aus den verfassungsrechtlichen Fristen errechnet hat.

  • Doch glänzen die deutschen Qualitätsmedien mal wieder damit, was sie an Details alles weglassen und mit der Stärke der Interpretationen, die sie aus dem geringen Hintergrundwissen ableiten.
  • Jede der neuen Bestimmungen hat nämlich schon in sich Einschränkungen, die es in der Form in Deutschland nicht gibt. 
  • Die Personenbegrenzung für Zusammenkünfte gilt z.B. ausschließlich für öffentliche Zusammenkünfte, private sind nicht betroffen. 
  • Die Bürger können also nach wie vor ihre familiären Weihnachts- und Silvesterfeiern halten. 
  • Wer unbedingt will, kann außerdem seine öffentliche Veranstaltung mit bis zu 300 Personen durchführen, wenn es für alle Teilnehmer einen Sitzplatz gibt und der Mindestabstand gewahrt bleibt.
  • Die Empfehlung für das Maskentragen gilt nur für Stoßzeiten. 
  • Natürlich steht es einzelnen Verkehrsunternehmen oder Verbünden frei, darüber hinausgehende Regelungen zu treffen – nur: das stand es auch bisher schon. 
  • Es gibt ja nicht anstelle einer Maskenpflicht etwa ein gesetzliches “Maskenverbot”. 
  • Unter Stoßzeit versteht Staats-Epidemiologe Anders Tegnell die Zeitfenster, in denen Gedränge entsteht, also voraussichtlich die Spitzenzeiten des Pendelverkehrs am frühen Morgen und Nachmittag.

Für Virologen und andere Aktivisten aus der Pandemikerszene ist das viel zu wenig. 

Ihr Sprachrohr Frederik Elgh hat in allen maßgeblichen Medien schon lautstark beschwert und die Einführung einer allgemeinen Maskenpflicht zu jeder Zeit und überall gefordert2 wie er übrigens auch seit Winterbeginn einen umfassenden Lockdown fordert3.

Auch wenn man sich das Pandemiegesetz näher ansieht, fallen Unterschiede auf. 

  • Das fängt schon damit an, dass ausdrücklich auf verschiedene Abstufungen von Maßnahmen Wert gelegt wird. 
  • So ist neben einem allgemeinen Total-Lockdown auch eine Begrenzung der Besucherzahl oder der Öffnungszeiten denkbar4
  • Angesichts der Kurzentschlossenheit, mit der etwa in Deutschland und Österreich zu Winterbeginn gleich der Dampfhammer der maximalen Stufe verhängt wurde, bedeutsam.
  • Darüber hinaus ist das Pandemiegesetz zeitlich auf ein Jahr befristet. 
  • Es müsste ein Jahr nach Verkündung erneut durch den Gesetzgebungsprozess gehen, um verlängert zu werden. 
  • Der Reichstag ist offensichtlich nicht gewillt, das Gesetz über übertragbare Krankheiten, das die Funktion des deutschen IfSG erfüllt, für die Corona-Sondersituation dauerhaft zu ändern. 
  • Eingehalten wird weiterhin, trotz der besonderen Situation, des Drucks von Virologen, Medien und dem Ausland, der reguläre Gesetzgebungsprozess, ganz gleich, wie lange das dauert. 
  • Die Festsetzung von “Regeln” außerhalb der verfassungsmäßigen Ordnung durch Regierungspädagogen unter Muttis allweiser Hand ist in Schweden immer noch tabu.

Das ist womöglich auch der maßgebliche Grund für die verhältnismäßige Ruhe im Land. 

Es gibt immer noch keine Querdenker, keine Petitionen oder Demos zur Aufhebung der besonderen Regularien. 

Anders Tegnell bindet die neuen Beschlüsse in seiner bekannten rhetorisch sparsamen Form in die Strategie von Gesundheitsbehörde und Regierung ein, indem er z.B. sagt, dass man in der derzeitigen Lage nach jeder auch noch so kleinen Möglichkeit greifen müsse, um der Lage Herr zu werden. 

Einen grundsätzlichen Richtungswechsel gebe es aber nicht: 

“wir haben unsere Position keineswegs aufgegeben”5

Nach wie vor sieht er keinen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit von Masken. Auf der Website der Behörde kann man eine Zusammenstellung von über 50 Studien finden, die sich mit der Maske befassen und die die Behörde offenbar untersucht hat6.

Und für eine langfristige Strategie macht es einen bedeutenden Unterschied, ob man grundsätzlich die Wirksamkeit einer Maßnahme sieht oder eben nicht. 

Solange man sie im Gegenzug auch nicht für besonders schädlich hält, kann man sie ja durchaus zusätzlich anwenden. 

Ein Potential für eine gewisse Schädlichkeit sieht Tegnell aber durchaus, da die Maske ggf. dazu führen könne, dass die Einhaltung des Mindestabstands vernachlässigt würde. 

Dieser Mindestabstand ist nach wie vor der sehr viel bedeutendere Kernbaustein der Strategie.

Im Gesamtkontext einer solchen Aussage kann man die teilweise Einführung einer Maske durchaus auch als Drahtseilakt sehen, der sehr sorgfältig abgewogen wird und möglicherweise gar nicht mehr als ein Experiment ist. Dessen Ausgang beobachtet und ausgewertet wird.

Um die schwedische Corona-Strategie zu verstehen, reicht es nicht, eine Schlagzeile zu lesen und sie so zu bewerten, wie man es aus dem planlosen Stolpern durch das Dunkel von Lockdown-Ländern kennt, die grobe Klötze hauen. 

Schwedens Sonderweg war niemals ein einfaches “Wir machen nichts”. 
Wer auf diesem Niveau das Land zu kennen meint, kann sich nur verspekulieren.

Es ist eine Sprache von einzelnen Worten, Zwischentönen und Hintersinn und einer damit verbundenen Politik von Kompromiss und Feintuning zwischen allen bekannten Interessengruppen, Forderungen und Stimmungen, wie bereits im Artikel Schwedische Wahrheiten7 im Sommer dargestellt. 

Derartig geschult, ist derzeit in Schweden keineswegs eindeutig ein Abgehen vom schwedischen Sonderweg zu sehen, sondern womöglich eine geschickte Anpassung, die sein Überleben sichert.

1 https://www.regeringen.se/artiklar/2020/03/andring-i-forordning-om-forbud-mot-att-halla-allmanna-sammankomster-och-offentliga-tillstallningar/

2 https://www.aftonbladet.se/nyheter/a/x3JnJp/professorn-infor-generell-anvandning-av-munskydd

3 https://www.svt.se/nyheter/inrikes/professorn-sverige-behover-en-nedstangning

4 https://www.regeringen.se/pressmeddelanden/2020/12/utkast-pa-tillfallig-pandemilag-for-covid-19-skickas-pa-remiss/

5 https://www.svt.se/nyheter/inrikes/tegnell-om-munskydden-maste-gripa-efter-alla-mojligheter

6 https://www.folkhalsomyndigheten.se/smittskydd-beredskap/utbrott/aktuella-utbrott/covid-19/statistik-och-analyser/analys-och-prognoser/litteraturlista-for-munskydd/

7 https://schwedenreport.blogg.se/2020/august/schwedische-wahrheiten-i.html

Bild: Unsplash – matt-duncan

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2 Comments

  1. Klemens

    Hallo Herr Patrik Plaga, in meinen Augen reden Sie sich den Verlauf der Maßnahmen nur schön. Für mich liest sich das klar so was sie schreiben, dass Schweden auf den allgemeinen Kurs in Deutschland und EU einschwenkt 🙁 Ja, im Moment ist es noch viel moderater. Aber die Richtung ist doch klar abzulesen und es geht Schritt für Schritt in Richtung Maskenzwang. Wie anders ist den der Satz z.B. zu lesen: “Natürlich steht es einzelnen Verkehrsunternehmen oder Verbünden frei, darüber hinausgehende Regelungen zu treffen – nur: das stand es auch bisher schon.”

    Nein, für mich sieht es ganz klar so aus, als ob Schweden langsam auch eingenordet wird. Und wir müssen uns doch auch mal fragen warum. Wegen einem einzelnen Virus genannt Sars-Cov-2. Warum wird nicht genauso ein Hype gemacht wegen HCoV-OC43, Influenca, Rhino oder Verkehrstoten. Wie sprechen uns mal in zwei drei Monaten wieder wie es da aussieht, in Schweden war der tiefe Staat schon immer sehr aktiv, ich erinnere nur an “Whisky on the rocks” …

  2. Foh

    Der König wettert gegen Tagnell. Die Medien drängen ebenfalls. In der Politik gibt es schon lange Panikologen, die den “Sonderweg” bekämpfen und Panik nach allgemein europäischischer Neuer Normalitätskultur betreiben.
    Tegnell hat es schwer. Die Testkapazitäten wurden extrem gesteigert, um neue Fakefälle zu suggerieren.
    Eine “Diktatur” wie Belarus, hat es einfacher eine klare Linie zu fahren. Erfolgreich. Ebenfalls keine Übersterblichkeit.
    Es ist einfach nur gruselig, wie die Wahnhaftigkeit sich wegen einer Grippe langsam durchfrisst.

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