Zweifel an Wirksamkeit? Harvard-Forscher fordern Strategiewechsel bei COVID-Impfungen

Im Schriftwechsel mit einer Fachzeitschrift analysierten Harvard-Forscher die Wirksamkeit der weltweiten Corona-Impfungen.

Dabei zeigte sich, dass es keinen klaren Zusammenhang zwischen der Impfquote und den COVID-19-Verdachtsfällen gibt. Die Forscher fordern deshalb eine Kurskorrektur.

In den meisten Ländern der Welt gelten Corona-Impfungen als Hauptstrategie, um COVID-19 einzudämmen.

Die beiden Wissenschaftler Sankaran V. Subramian und Akhil Kumar vom Harvard-Zentrum für Bevölkerungs- und Entwicklungsstudien nahmen dies zum Anlass, in einer Korrespondenz mit der Fachzeitschrift European Journal of Epidemiology eine Zwischenbilanz zur Effizienz dieser Strategie zu ziehen. Zu Beginn weisen die Forscher darauf hin, dass in vielen Fällen Ungeimpfte für neue „Wellen“ von COVID-19-Verdachtsfällen verantwortlich gemacht werden:

„So lautet das Narrativ bezüglich der anhaltenden Welle neuer Fälle in den Vereinigten Staaten beispielsweise, dass diese auf Gebiete mit niedrigen Impfraten zurückzuführen sind. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in Ländern wie Deutschland und Großbritannien.“

In Israel, das zu Beginn des Jahres wegen seiner schnellen und hohen Impfrate als Vorbild galt, erlebte man zeitweise jedoch einen erheblichen Anstieg von COVID-19-Fällen.

Die Forscher nahmen dies zum Anlass, die Beziehung zwischen der Impfquote und der Zahl der positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen in 68 Ländern weltweit und in über 2.947 Bezirken der USA zu analysieren. Dazu nutzten sie die Corona-Daten zu COVID-19-Verdachtsfällen und die Impfquoten von Our World in Data für den 3. September 2021 und berechneten für die sieben Tage vor dem 3. September die Zahl der positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen für eine Million Einwohner. Auf Grundlage der Differenz zwischen den Fällen der Woche vor und der Woche nach dem Stichtag wurde der Anstieg der COVID-19-Verdachtsfälle berechnet.

Wie sich zeigte, gab es keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Impfquote und der Anzahl der neuen COVID-19-Verdachtsfälle in den letzten sieben Tagen. Die Kurve deutet nach Ansicht der Autoren vielmehr auf einen geringfügig positiven Zusammenhang hin, da einzelne Länder mit einem hohen Anteil Geimpfter auch eine höhere Zahl an positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen aufweisen. Dabei stach vor allem Israel heraus: Trotz einer Impfquote von mehr als 60 Prozent hatte das Land zum entsprechenden Zeitpunkt die höchste Zahl an positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen weltweit.

Entsprechende Beobachtungen ließen sich auch in Ländern wie Portugal und Island machen:

Obwohl dort mehr als 75 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft waren, hatten sie, bezogen auf die Einwohnerzahl, mehr COVID-19-Verdachtsfälle als Vietnam und Südafrika, in denen nur etwa zehn Prozent der Einwohner vollständig geimpft waren. Auch in den US-Bezirken zeigte sich ein ähnlicher Trend: So befanden sich unter den fünf Bezirken mit den höchsten Impfquoten vier, die als sogenannte „Hochinzidenzgebiete“ gekennzeichnet wurden. Umgekehrt waren unter den 57 „Niedriginzidenzgebieten“ 15 Bezirke, die eine Impfquote von unter 20 Prozent hatten. Auch bei detaillierten Analysen über einen längeren Zeitraum von einem Monat, die einen vollständigen Impfschutz zwei Wochen nach der zweiten Impfstoff-Dosis berücksichtigt hatten, zeigte sich dieselbe Tendenz: Es gibt keinen klaren Zusammenhang zwischen der Impfquote und der Inzidenz. Die Wissenschaftler weisen jedoch auf daran hin, dass es durch unterschiedliche Teststrategien und Kapazitäten zu Verzerrungen kommen kann.

Aufgrund der Ergebnisse schlagen die Wissenschaftler vor, dass das alleinige Vertrauen in Impfungen als primäre Strategie zur Eindämmung von COVID-19 und seiner nachteiligen Folgen zumindest überdacht werden muss, insbesondere mit Blick auf die Delta-Variante und möglicher künftiger Varianten. Im Hinblick auf das politische Narrativ ist nach Auffassung der Forscher eine Kurskorrektur erforderlich, die neben einer möglichen Erhöhung der Impfrate auch weitere pharmakologische und nicht- pharmakologische Maßnahmen beinhalten sollte.

Eine solche Kurskorrektur begründet Subramian unter anderem damit, dass die Wirksamkeit einer BioNTech/Pfizer-Impfung mit zwei Impfstoff-Dosen nach Angaben des israelischen Gesundheitsministeriums nur noch 39 Prozent betrage, während die Wirksamkeit in den klinischen Studien 96 Prozent betrug.

Und auch, wenn die Impfung die Wahrscheinlichkeit für COVID-bedingte Krankenhausaufenthalte und Todesfälle verringern soll, geht aus den Daten der US-Gesundheitsbehörden CDC hervor, dass das Risiko eines Krankenhausaufenthalts oder Todesfalls zwischen Januar und Mai von 0,01 auf 9 Prozent beziehungsweise von 0 auf 15,1 Prozent stieg. Am Ende des Artikels ziehen die Forscher das Resümee, dass man die Bevölkerung trotz allem zur Impfung ermutigen sollte, allerdings ohne Zwang:

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bevölkerung zwar zur Impfung ermutigt werden sollte, dies sollte aber mit einer gewissen Demut und mit Respekt geschehen. Die Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen kann mehr schaden als nützen.“

Die Forscher erklären weiterhin, dass man den Fokus auf andere nicht-pharmakologische Präventionsmaßnahmen wie die Bedeutung grundlegender öffentlicher Gesundheitshygiene im Hinblick auf die Einhaltung von Sicherheitsabständen, das Händewaschen und die Förderung häufigerer und billigerer Formen von Tests legen müsse. Nur so könne man lernen, mit COVID-19 zu leben, so wie man auch nach 100 Jahren mit verschiedenen Abwandlungen des Influenza-Virus von 1918 lebe (womit sich die Wissenschaftler auf die Spanische Grippe beziehen dürften).

Quelle: RT-Deutsch

Bild: chris-lawton-unsplash

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